Die dritte Folge unseres Podcasts Spektrum Selbsthilfe, heute mit Hannah und Nadja zum Thema Spätdiagnosen.
Veröffentlichung
15.07.2026
Schnitt
Magi
Vielen Dank an dich!
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https://www.adhs-hb.de
Transkribierter Podcast:
Chris: [00:00:00] Wir schreiben schon wieder den nächsten Monat und haben den nächsten Podcast von Vectrum Selbsthilfe. Das heutige Thema ist Beta-Diagnose, heute mit zwei Personen im Studio. Das ist zum einen Hannah und zum zweiten Nadja. Ich bin Chris und ich moderiere heute. Fangen wir erst mal ganz einfach an. Wollt ihr euch einmal kurz vorstellen, wer seid ihr eigentlich?
Hannah: [00:00:21] Ja, hallo, ich bin Hannah, ich komme aus Bremen und bin 39 jetzt und habe meine Diagnose seit drei Jahren. (..)
Nadja: [00:00:30] Hi, ich bin Nadja. Ich bin erst seit zwei Jahren in Bremen und bin Mitte 20 und habe meine Diagnose Anfang 20 bekommen.
Chris: [00:00:40] Das Thema Spätdiagnose. Wir haben uns im Vorfeld darauf geeinigt, dass wir als spät alles nach der Kindheit betrachten. Was ist denn in der Diagnose in verschiedenen Altersstufen der Unterschied? Also macht es mehr Sinn, früher, später Diagnose zu erhalten? Was hätte man sich eher gewünscht? Oder gibt es einen Unterschied zwischen mit 60 Jahren Diagnose und mit 20 Jahren Diagnose?
Hannah: [00:00:59] Ja, es ist ja so, dass die Diagnosen sehr unterschiedlich gegeben werden. Also es gibt sehr viele Jungs, die im Grundschulalter eine Diagnose bekommen und sehr, sehr, sehr wenig Mädchen oder weiblich sozialisierte Personen, die im Schulalter die Diagnose bekommen. Also das macht schon einen großen Unterschied. Was ist die Herangehensweise an die Person? Das heißt, wir sind vielleicht ein bisschen zappelig, aber wenn ich immer wieder die Rückmeldung bekomme, dass ich ja schön brav sein soll und auf meinem Stühlchen sitzen soll und dass ich mich bitte doch um die anderen kümmern soll, also diese kümmernde Funktion bekommen soll und alles, was halt daraus rausfällt. Also wild, also wild, meine Impulskontrolle. Ich habe immer dazwischen geredet in der Schule. Das wurde immer, immer, immer negativ kommentiert. Aber meine Fantasie wurde halt nicht so gut aufgenommen, weil in meinen Geschichten, die ich geschrieben habe, das wurde nicht positiv hervorgehoben. [00:02:00] Also habe ich irgendwann immer versucht, mich mehr dahin anzupassen, was von mir erwartet wird. Heißt, ich wurde ruhiger. Ich habe mich so oft gestört. Aber mein Kopf war deswegen ja nicht leiser. Und keiner hat dann gedacht, okay, jetzt vielleicht sollten wir sie mal diagnostizieren. Die ist ja jetzt gar nicht mehr so wild.
Chris: [00:02:17] Also wir haben bis heute eine riesige Quote, danke für dein Statement, an vielen Diagnosen bei menstruierenden Personen. Ich formuliere es jetzt mal so. Und das liegt halt daran, dass natürlich ein Junge, der mit zehn Jahren auf dem Tisch tanzt oder vielleicht auch schon früher, sehr einfach als Zappelphilip erkennbar ist, so die alte Bezeichnung. Während eben ein Mädchen in dem Alter, wenn wir jetzt auch von zehn Jahren ausgehen, eher sozialisiert wird als zurückhaltend, ruhig, bleib im Hintergrund. Und das führt natürlich zu massiven Fehldiagnosen, die wir bis heute abbekommen. Wie seid ihr denn zu eurer Diagnose gekommen?
Hannah: [00:02:51] Bei mir war es so, dass ich mein Studium angefangen habe, auch spät. Nachdem ich schon Kinder bekommen habe, habe ich nochmal angefangen zu studieren und habe inklusive Pädagogik und Deutsch auf Lehramt studiert. Studiere ich immer noch. Und da angefangen, ja, über verschiedene Krankheitsbilder unterrichtet zu werden und habe dann tatsächlich ein Plakat über ADHS gemacht und dachte, ach krass, da sind ja schon Dinge, die sehr gut auch auf mich zutreffen. Und dann meinten meine Kommilitonen aber, ach nee, nee, so ist das doch bei dir gar nicht. Bis ich dann aber nach Corona bei der psychologischen Beratung der Uni saß und die sagten, naja, vielleicht kann man da nochmal hingucken. Und mir dann auch tatsächlich einen Arzt in Hamburg empfohlen haben, bei dem ich dann relativ schnell zur Diagnose kam. (.)
Nadja: [00:03:42] Bei mir war das so tatsächlich, also ich habe Schule irgendwie fertig bekommen. Damals, das weiß ich jetzt, haben meine Eltern mich ja noch ziemlich unterstützt mit dem ganzen Organisation und was so in der Schule irgendwie, wie man die Sachen fertig kriegt und dann auch abgibt und so weiter. Sobald dann das Studium angefangen hat und man so extrem viel selbst organisieren musste, ist das mehr und mehr aufgefallen, wie schwer mir das fällt. Und dann sind tatsächlich irgendwann meine Eltern auf mich zugekommen. Ich glaube, da war ich 19 und meinten, wir haben da im ARD so eine Doku geguckt. Da wurde eine Frau gezeigt, die erwachsen ist und ADHS hat. Und irgendwie mussten wir die ganze Zeit an dich denken. Dann habe ich auch angefangen, mich mehr darüber zu informieren. Ich war damals auch in Therapie, habe mit meiner Therapeutin da auch drüber geredet. Die meinte auch, dass es sinnvoll wäre, das mal abklären zu lassen. Und dann ging es halt erst mal los mit der Diagnostikplatzsuche. Das war auch schwierig, sage ich mal, aber habe dann einen Termin bekommen und ja, habe jetzt auch dann die Diagnose bekommen. (.)
Chris: [00:04:45] Wie waren denn die Gefühle nach der Diagnose?
Hannah: [00:04:48] Ja, bei mir war das ziemlich krass. Ich war ja in Hamburg und ich bin da alleine mit dem Auto hingefahren und das ist nicht unbedingt mein Wohlfühl-Moment, alleine Autofahren. Und ich saß im Auto und ich habe mit meiner besten Freundin über Lautsprecher telefoniert und ich war wirklich, ich war so, es war so eine Mischung aus. Ich war wütend, ich war traurig, ich war baff, weil ich irgendwie gedacht habe, krass, ich habe das schultechnisch irgendwie auf die Kette gekriegt. Aber es war wirklich ein Hängen und Rängen und wie viel einfacher wäre es vielleicht gewesen, hätte ich die Unterstützung gehabt oder auch einfach weniger Fragezeichen. Ich habe mich meistens wie so ein Außerirdischer gefühlt. Warum habe ich denn den ganzen Scheiß nicht verstanden? Und konnte so gut das anscheinend kompensieren, indem ich irgendwie mich an Menschen drangehangen habe. In dem Moment war es aber wirklich, ich war so traurig und wütend, dass niemand anders das gesehen hat. Wieso konnte denn niemand anders sehen, dass ich mir so, dass ich mich so schwer getan habe und jetzt kommt es erst so viele Jahre später, wie viel einfacher hätte ich es haben können? [00:05:51] Und das ist natürlich etwas, was einen in dem Moment ein bisschen erschlägt und dem ganz viel Empathie entgegenbringen zu können, ist gar nicht so einfach, weil ganz schnell kommt dieses, okay, gut, du kannst die Vergangenheit ja eh nicht ändern. Also ich musste da einfach einmal richtig kurz durch, ich musste da einmal kurz richtig traurig und wütend sein und mich nicht gesehen gefühlt haben, um dann zu dem Punkt zu kommen, okay, gut, und jetzt, jetzt kümmere ich mich um mich und jetzt gucke ich, was ich besser machen kann oder was ich daraus Gutes mitnehmen kann. Und dafür hat dann die Diagnose ziemlich gut geholfen. (.)
Nadja: [00:06:25] Bei mir ist direkt nach der Diagnose so ein sehr großes Erleichterungsgefühl tatsächlich passiert, weil ich hatte endlich eine Erklärung für das, was mir immer so schwer gefallen ist. Und vor allem, also ich bin, also natürlich, ich war auch, ich war wütend, ich war auch traurig, aber vor allem sehr, sehr erleichtert. Und das hat mir so ein bisschen dann diese Tür geöffnet, so, ah ja, ich brauche ja auch bestimmte Sachen gar nicht so versuchen, wie alle anderen das versuchen. Zum Beispiel im Studium, ja, fang doch einfach an, setz dich einfach an den Laptop. Sondern ich konnte halt endlich mal so nach Lösungsstrategien suchen, die mir tatsächlich dann auch was gebracht haben, was dann dazu geführt hat, dass ich festgestellt habe, dass ich gar nicht so, ich dachte immer, ich wäre ein bisschen dumm. Dann habe ich festgestellt, nee, ich brauche einfach nur andere Strategien. Mir ist ein riesiger Stein vom Herzen gefallen.
Chris: [00:07:16] Das kommt mir aus den Gruppen auch sehr bekannt vor, dass Menschen deutlich über der 40-Jahre-Grenze dann beschreiben, dass sie merken erstmals, dass sie letzten x Jahre im Masking waren. Und dieses Masking sehr viel Energie verbraucht hat jeden Tag, sodass sie eigentlich völlig gerädert wieder nach Hause kamen, nichts mehr konnten. Dann gibt es so Stressoren, die sind zwar sehr, sehr schön, aber die kann man nicht abschalten. Kinder zum Beispiel, die stehen morgens einfach an der Matte und die wollen etwas haben. Und natürlich mit ADHS, wenn ich keine Diagnose habe, ist es doppelt schwierig, dann da energetisch mit umzugehen. Denn gerade die Energie ist ja bei uns eine andere. Wir haben ein karges Kontingent, was wir innerhalb von wenigen Minuten, wenn wir wollen, verbrauchen können und nicht sollten. Wie war das denn für euch mit der Akzeptanz? Ihr habt es eigentlich schon gerade umschrieben, ich frage trotzdem mal ganz genau nach. Ihr hattet die Diagnose, jetzt habt ihr euch ein paar Wochen näher damit beschäftigt, mit dieser Diagnostik und was das eigentlich heißt. (.) Impulskontrolle und Prokrastination, Organisationsschwierigkeiten, so die typischen Geschichten, die mit ADHS einhergehen. [00:08:19] Das sind natürlich sehr viele, ich habe jetzt nur ein paar genannt. Wir reden ja von ca. 100 Komorbiditäten. Wie seid ihr denn dann ein paar Wochen damit später umgegangen? Konntet ihr das dann akzeptieren? Hat euch das sehr geholfen dann?
Hannah: [00:08:32] Ja, ich konnte das sofort akzeptieren. Also das war nicht die große Schwierigkeit. Und es war auch so ein Moment, wo ich auch irgendwie handlungsfähig wurde. Also das, was du gerade gesagt hast, ja, ich habe drei Kinder. Das heißt, diese Stressoren sind ja immer da und die sollen davon ja möglichst unbeirrt bleiben, dass ich total gestresst bin von diesen alltäglichen Dingen wie Organisation, Ordnung, Struktur, die ich eigentlich ja vorgeben soll. Ich habe immer gedacht, wenn die Kinder kommen, dann kommt die Struktur von ganz alleine. Oh Wunder, das war nicht der Fall. Das heißt, ich konnte das total gut akzeptieren und war dann durch diese, okay, ich kann mich jetzt damit beschäftigen, ich kann mich jetzt auf verschiedenen Ebenen damit beschäftigen. Ich war, wurde handlungsfähig. Das war total, für mich total gut.
Chris: [00:09:18] Also eine Änderung ist, dass du viel mehr in die Handlung gekommen bist, statt was weiter aufzuschieben, ohne es jetzt böse zu machen.
Hannah: [00:09:24] Ja, genau. Also es war auch so, dass ich vorher auch Angst hatte, okay, was ist, wenn es nicht das ist? Was ist es dann? Und so war es, okay, ich habe ADHS, jetzt dachte ich, jetzt kommt eine Lösung. Wir wissen ja auch, wenn wir es haben und in der Diagnose endlich einen Platz bekommen haben, dass damit leider dann nicht alles sofort geklärt ist, sondern dann geht es darum, möchte ich eine Medikation, wenn ich eine Medikation möchte, was kommt dann? Das heißt, da war ja noch ein langer Weg, aber ich hatte das Gefühl, ich kann was tun und das war total freiend.
Chris: [00:09:55] Nadja, hast du das auch so empfunden?
Nadja: [00:09:56] Ja, ich habe es relativ ähnlich empfunden und ich muss sagen, dass das bei mir immer, also das ist so ein Prozess, der hat nach der Diagnostik angefangen. Das war so ein bisschen, ah, jetzt weiß ich auch, wonach ich suchen kann. Und das ist aber bis heute noch so. Also ich finde immer wieder, oder ich stelle immer wieder fest, dass ich mit bestimmten Sachen, wie jetzt zum Beispiel Prokrastination, stark Probleme habe und bin immer wieder dabei, neue Strategien irgendwie, ähm, was, also überhaupt danach zu suchen und auszuprobieren. Also ich habe da noch keine finalen Lösungen irgendwie gefunden, aber ich weiß wenigstens, wonach ich suchen muss. Und ich stelle auch immer mehr, oder ich gestalte jetzt auch meinen Alltag so danach, ähm, was kostet mich viel Energie, was weniger und habe einfach die Erklärung dafür, warum kostet es mich so viel Energie. Ich glaube, das ist jetzt immer noch so ein Prozess, der weiterhin läuft.
Chris: [00:10:44] Dann frage ich mal so für den Zuhörer, was habt ihr denn an Skills aufgebaut? Also was habt ihr eigentlich so im Wesentlichen am Leben geändert im Vergleich zu der Zeit, in der noch keine Diagnose im Raum stand?
Hannah: [00:10:56] Ja, das ist eine schöne Frage. Oh Gott, da gibt es auf jeden Fall eine Menge und ich glaube auch immer noch sehr viel Luft nach oben, weil, äh, das ja auch immer so was ist, dann probiert man was aus und dann ist aber die Energie eigentlich schon zu Ende. Und dann muss man wieder von vorne anfangen quasi. Und ich habe ja auch gerade schon erzählt, dass bei uns im Haushalt einfach noch sehr viele andere Menschen wohnen und die müssen da ja irgendwo mitgehen. Als allererstes für die Uni fand ich das total spannend, dass ich angefangen habe, mit, ähm, mit Timern zu arbeiten. Das heißt, ich habe wirklich mir immer 20 Minuten und dann 10 Minuten daddeln. Also es war wirklich, ich brauchte das, damit ich es nicht währenddessen mache.
Chris: [00:11:34] Also 20 Minuten lernen und dann 10 Minuten Pause.
Hannah: [00:11:37] Ja, oder waren es 20 Minuten lesen und 5 Minuten Pause. Aber immer dieses 20 Minuten und dann ist es erstmal zu Ende. Häufig habe ich trotzdem weitergelesen, aber ich habe mir halt in der Zeit, die ich mir fest vorgenommen habe zu lesen, nichts anderes gemacht. Und das ist das, was vorher einfach nicht funktioniert hat. Was auch richtig gut funktioniert, ist, dass ich währenddessen so ADHS-Fokus-Noral-Beats auf Kopfhörern höre, weil mein Gehirn dann einfach schon so eine Grundstimulation hat und ich dann mich viel besser auf Texte konzentrieren kann, die mich den überhaupt nicht interessieren, aber ich sie trotzdem lesen muss, um halt bestimmte Prüfungen zu bestehen.
Nadja: [00:12:15] Ein sehr zentraler Skill bei mir ist Sport. Ich, äh, mache sehr regelmäßig Sport. Es muss auch, also, oder beziehungsweise Bewegung. Also, ich schaffe es jetzt nicht immer, meine Sportroutine irgendwie gut auszufüllen, aber ich weiß, dass, äh, ich Sport brauche, damit es mir besser geht und damit ich irgendwie auch so ausgeglichener bin. Das ist sehr zentral und dann habe ich auch den Pomodoro-Wecker auf meinem Handy. Das bedeutet 25 Minuten Arbeiten, 5 Minuten Pause und ich erwische mich halt immer dabei, wenn diese 25 Minuten vorbei sind, äh, ja, manchmal bin ich ganz woanders auf einmal als bei der Aufgabe, die ich eigentlich machen musste, aber wenigstens werde ich daran wieder erinnert, wo ich eigentlich gerade bin. Äh, das sind solche Sachen. Dann habe ich, äh, für mich auch so eine Ordnung irgendwie, also, zu Hause, wie räume ich mein Zimmer auf, mache das regelmäßig irgendwie immer 10 Minuten am Tag, halt solche Sachen und versuche immer so kleine Dopamin-Quellen über den Tag irgendwie einzubauen.
Chris: [00:13:15] Direkt mal an dich die nächste Frage. Ihr seid ja beide am Studieren, aber das bei uns immer wieder durchkommt, das sind Leute, die morgens sich bei uns im Body-Doubling, also man ist in einem gemeinsamen digitalen Raum, sieht sich gegenseitig und praktisch bei der Arbeit und das soll gegenseitig motivieren und das tut es auch, also das ist motivierend, dann selbst auch etwas zu machen. Das Problem beim Studium ist eben, am Ball zu bleiben. Wir haben so viele Leute, die, egal ob sie Bachelor oder Master machen, nicht schaffen, sich wirklich regelmäßig dran zu setzen und dann einfach weiterzumachen. Habt ihr für diese Menschen eigentlich, egal welchen Alters, einen Tipp, wie man dabei bleibt?
Nadja: [00:13:48] Ich bin selber noch dabei, äh, das herauszufinden. Ich hab aber schon festgestellt, dass mir eben so eine äußere Struktur ganz wichtig ist, wie zum Beispiel, ähm, Body-Doubling, anders, also das, genau, ich brauch so eine äußere Instanz im Endeffekt. Dann weiß ich auch, dass ich Schwierigkeiten damit habe, sehr große Aufgaben in kleine Teilaufgaben zu zerlegen und dafür hole ich mir auch Hilfe. Zum Beispiel, ähm, bei meiner Bachelor-Arbeit hab ich mir Hilfe dafür geholt. Das war so eine, so ein Angebot an der Uni. Die haben einem dann, also einem dann geholfen, einen Zeitplan zu erstellen, kleine Teilaufgaben zu planen und umzusetzen, damit man am Ende zu diesem großen Ziel kommt.
Hannah: [00:14:32] Also ich bin auch immer noch dabei, den Bachelor zu machen und das seit vielen Jahren, aber da ist es ja bei mir auch so, dass einfach durch die vielen äußeren Umstände, manchmal frage ich mich, ob das meine Entschuldigungen sind, warum das so lange dauert, aber es ist natürlich wirklich, ich hab angefangen kurz vor Corona und dann mit Kindern zu Hause und war dann immer wieder raus und dann war es auch so, dass die Leute, mit denen ich angefangen habe zu studieren, die sind halt durch und jetzt sitzen da immer wieder neue Leute und da ist die Motivation dann nicht mehr ganz so groß wie damals zur Schulzeiten, wo ich dann zur Schule gegangen bin, weil ich die Leute sehen wollte. Ähm, aber ja, ich muss mich da irgendwie jetzt ein bisschen durchbeißen. Ich finde auf jeden Fall die Tipps ganz gut und Sport hilft mir auch vorweg, also, dass ich morgens eine Runde laufen gehe, um dann zu wissen, okay, der Kopf ist jetzt erstmal ein bisschen ruhiger und jetzt kann ich mich auf die Sachen auch vielleicht ein bisschen mehr konzentrieren, die dann gleich noch kommen.
Nadja: [00:15:20] Und das Haus verlassen.
Hannah: [00:15:21] Bei mir ist es wichtig, ich muss das Haus verlassen, (.) weil da einfach sonst so viele Aufgaben sind, die natürlich viel mehr Spaß machen, als so einen Text zu schreiben, zu lesen oder wie auch immer.
Chris: [00:15:31] Ich würde noch aus dem Coaching ergänzen, dass es eine Frage der Zielvorstellung ist. Also, wo möchte ich in einem Jahr stehen? Und ich verstehe, wenn eine Million Sachen dazwischen kommen, die alles verschieben, insbesondere Kinder und es ist halt Leben, was passiert. Aber letztendlich glaube ich auch inzwischen, dass man die Zeit, wenn man sie hat, lieber mit den anderen Dingen verbringen möchte und das fast regelmäßig so ist. Also, habe ich Freizeit, bin ich dann eher am Datteln und dann möchte was machen, was mich eben fördert und fordert in irgendeiner Form. Denn dessen wäre es natürlich viel schöner zu wissen, dass ich gerade mit 20 bis 30 Jahren sehr, sehr leistungsfähig bin, sicherlich auch noch danach und diese Zeit sehr, sehr gut nutzen kann. Das heißt, wo will ich eigentlich in einem Jahr stehen? Und dann ist mein blöder Spruch dazu, für wie schlau halte ich mich und wie schlau verhalte ich mich? Insbesondere mir selbst gegenüber. Denn wenn ich weiß, ich habe dieses Ziel, ist das eigentlich für mich das größte Argument, zu sagen, ich will diesen Bachelor haben. Ich will mich selber damit beweisen. Und um das zu tun, muss ich jetzt anfangen. Also keine Ausreden mehr. Das wäre so ein bisschen aus dem Coaching heraus. [00:16:34] Und ich weiß, wie einfach sich das sagt. Es kann so ein bisschen von oben herabwirken. Aber es ist halt so, dass ich effektiv mein eigener Chef, meine eigene Chefin bin. Und es wird niemand so fühlen und diese Zielvorstellung in Gedanken haben, wie ich sie habe. Das heißt, wenn ich mich selber liebe, sage ich, ich will zu dem und dem Zeitpunkt das und das Ziel erreichen und werde dafür alles machen.
Hannah: [00:16:54] Bevor ich die Diagnose bekommen habe, wurde mir auch die Diagnose Depression zugeschrieben und bin daraufhin in eine Therapie gegangen und war dann in einer Gruppentherapie. Und ich war lange in dieser Gruppentherapie. Wir waren vier Jahre zusammen und das hat mir unglaublich viel gebracht. Also wirklich dieser Austausch von, okay, ich fühle so, ich denke so und ich fühle mich so anders oft. Und da war es aber auch so, dass eine andere auch mitstudiert hat und wir angefangen haben, uns zusammen zu verabreden und zusammen zu studieren oder also zu lernen, weil man dann eine Verpflichtung der anderen Personen quasi gegenüber hat. Und du hast ja so recht. Natürlich bin ich die Person, die dafür verantwortlich ist, dass es mir gut geht. Und was kann ich dafür tun? Und trotzdem ist es mir ja doch oft so, dass man denkt, für andere mache ich ein bisschen mehr als für mich selber. Und da hat das dann ganz gut funktioniert, weil wir das dann füreinander gerne gemacht haben und so weitergekommen sind.
Chris: [00:17:53] Ich finde das sehr wertvoll, was du gerade gesagt hast. Das erinnert mich so ein bisschen an den Spruch, dass wir anderen gegenüber sehr gut auftreten können und selbst gegenüber manchmal etwas am Schwächeln sind. Ja, und das kann man natürlich dann in solchen Gruppen gut ausnutzen. Ja, wir müssen jetzt wieder ein bisschen zurückschwanken, ob das im Alter jetzt genau das Gleiche ist. Also es ging ja um Spätdiagnostizierte. Das heißt, je später ich bin, desto mehr bin ich in Gewohnheiten. Manchmal merkt man auch, wenn Leute extrem unzufrieden sind, dass sie dann eigentlich nur noch am Nörgeln sind und gar nichts anderes mehr können und darauf geradezu einen Hyperfokus schieben. Es ist halt die Frage, wie gehe ich denn damit um? Also nehmen wir an, ich habe jetzt die grundsätzliche Akzeptanz kennengelernt. Ich habe diese Schwierigkeit am Anfang überwunden und stehe zu mir selbst und weiß, jawohl, ich habe ADHS. Da war ja am Anfang so ein kleiner Trauerprozess, wo man erstmal dann die Erklärung findet. Oh mein Gott, deswegen habe ich mich da auch schlecht verhalten und deswegen ist alles, alles hätte viel besser laufen können. Und die Wahrheit ist, hätte es nicht, denn man wusste es ja nicht. Ja, wir können die Vergangenheit nicht ändern. Das heißt, wir müssen erstmal daran wegkommen, uns permanent die Vergangenheit aufzuhalsen. [00:18:56] Die können wir nicht mehr ändern. Wir können daraus lernen, wie wir uns künftig verhalten. Und ich glaube, das ist meine persönliche Meinung, kommentiert sehr gerne dazu, wird halt mit steigenden Gewohnheiten im Leben immer schwieriger, neue Sachen zu integrieren. Deswegen macht eine Diagnose möglichst früh den Sinn und deswegen ist es umso schwieriger, je später man diagnostiziert wird, diese, ich sage jetzt mal pseudohaft falschen Gewohnheiten dann wieder loszuwerden. Das heißt, wenn ich jetzt dann, sagen wir, Ü40 bin irgendwann, ich merke, diese äußere Unruhe lässt im Alter nach. Gehst du da mit? Ist das denn überhaupt so, dass die äußere Unruhe mit Ü30, Ü40 nachlässt?
Hannah: [00:19:33] Also die äußere Unruhe, ich glaube einfach, da hat man dann diese Skills. Was wir gerade gesagt haben, wir gehen morgens laufen, dann haben wir halt schon einfach den großen Bewegungsdrang weg. Dann ist vielleicht sogar ein bisschen der Kopf ruhiger, aber im Endeffekt ist es so, dass das immer noch da ist. Und wenn wir uns aber schwieriger bewegen können, das ist jetzt bei mir zum Glück noch nicht der Fall, aber es ist ja trotzdem so, wenn ich dann, doch, ich kann sitzen bleiben. Ich kann sitzen bleiben in den Vorlesungen. Ich bin nicht die ganze Zeit am Rumwackeln, weil da wäre ich ja schon komisch angeguckt. Ich bin nicht die ganze Zeit mit irgendwas am Rumtüdeln oder so, obwohl ich in Vorlesungen schon gestrickt habe. Aber da haben die auch alle nur gedacht, naja gut, die ist ja auch schon ein bisschen älter, dann strickt die halt. Aber das hat mir total geholfen. Da konnte ich nämlich meine Hände bewegen. Eine Grundbewegung war da, also konnte mein Kopf viel besser zuhören. Weil sonst ist mein Kopf nämlich permanent woanders. Und das ist er die ganze Zeit, also in meinem Kopf. Jetzt sind da nicht mehr irgendwie, jetzt sind natürlich auch wegen der Kinder einfach super viele Dinge, an die man denken muss. [00:20:33] Aber die spielen in meinem Kopf halt Pingpong. Da ist es auf jeden Fall nicht ruhiger geworden. Dazu kommt auch, dass jetzt einfach nach den Kindern, also die Kinder sind ja schon so groß, dass jetzt diese Phase langsam anfängt, dass ich sage, okay gut, was, was, was verändert sich in der, in der Verhütung? Und ab dem Moment, wo ich mich oder wo mein Mann und ich mich dazu entschieden haben, dass es keine Kinder mehr wollen und er die Verhütung übernommen hat, habe ich bei mir hormonell alles rausgeschmissen und auf einmal gemerkt, okay krass, mein eigener Hormoncocktail ist ja auch ganz schön wild. Und das ist echt was, wo ich finde es immer noch verrückt, dass ich dafür 39 oder 38 werden musste, bis ich überhaupt gemerkt habe, was meine eigenen Hormone so mit mir machen über den Monat. Da dann auch zu merken, okay gut, wieso funktionieren zum Beispiel meine Medikationen nicht mehr, kurz bevor ich meine Tage bekomme? Also wie kann das sein? Und dann zu sehen, okay, da kriege ich kaum Informationen zu, muss mich dann immer weiter selber darum kümmern, weil die Stimmung unfassbar schlecht wird. Also PMS, Halleluja. [00:21:34] Wenn dann auch noch die Tabletten nicht wirken, dann sind die paar Tage eigentlich komplett unnutzbar. Und da erst mal wieder sich irgendwie hinzuarbeiten, dass man dann, was auch immer, ob man mehr Tabletten nimmt oder auf einmal andere Tagesabläufe plant dafür, das ist schon auch so ein neues Level freigeschaltet. (.)
Chris: [00:21:53] PMS, Prämenstruales Syndrom. Das heißt also, dieser Zeitpunkt vom Eisprung bis zur Blutung, in dem der Östrogenpegel absolut nervös ist und nach oben schnellt. Und das Ganze steckt sich dann von der Tageskondition mit der Tageskondition für ADHS. Und natürlich sind das, also wenn ich von einer normalen Tageskonditionierung ausgehe, von einer ADHS-Kalax-Kondition und von einem, nennen wir ihn mal, PMS-Zustand des Tages, wenn sich das alles kommuniziert, ist das natürlich schwierig, damit umzugehen. Also man könnte sagen, die Emotionen sind wild.
Hannah: [00:22:24] Ja, wild trifft es auf jeden Fall. (.)
Nadja: [00:22:27] Ja, vielleicht kann ich auch kurz noch was dazu sagen. Und zwar nicht nur die Emotionen sind wild, sondern auch die Konzentration lässt bei mir stark nach. Ich habe noch mehr Schwierigkeiten damit, mich zu konzentrieren und das über fast eine ganze Woche, jeden Monat, ist schon doll. Und es hilft auf jeden Fall zu wissen, woran es liegt und dass man das so ein bisschen einplanen kann, irgendwie mit der Energie. Aber es hilft eben auch zu wissen, ah, ich könnte vielleicht einfach meine Medikation erhöhen. Das habe ich dann auch gemacht. Ich habe verschiedene Dosierungen für über den Monat hinweg, nehme dann die letzte Woche meistens ein bisschen höhere Dosierung. Und das unterstützt auf jeden Fall. Aber das muss sich irgendwie auch selber recherchieren. Darüber erfährt man nicht so leicht etwas.
Chris: [00:23:14] Das ist eigentlich ein sehr wertvolles Feedback, was Sie beide gegeben haben, nämlich, dass es hier wirklich ein Informationsmangel herrscht. Wir haben bei uns in der Gruppe, also es kann jede Person von uns zur Startergruppe kommen. Und im Rahmen der Startergruppe lernt man auch unsere anderen Gruppen kennen. Unter anderem haben wir eine Zyklusgruppe. Und da ist das eigentlich auch gang und gäbe, dass wir immer wieder merken, es gibt viel zu wenig Informationen. Ihr könnt jetzt mal callen, dass auch Männer einen Zyklus haben. Und wie viele Männer von den Zyklus hören wissen das gerade? Recherchiert mal. Da geht 24 Stunden. Das ist sehr, sehr langweilig im Vergleich. (.)
Hannah: [00:23:46] Ich habe noch eine Sache, die mir aufgefallen ist. Und zwar ist es so, dass es halt wahnsinnig viele Informationen gibt für Eltern von Kindern mit ADHS. Aber es gibt ziemlich wenig Informationen für Eltern, die ADHS haben und Kinder haben. Da gibt es auch eine Gruppe, da es auf jeden Fall einfach richtig wichtig ist, sich da auch auszutauschen, wie man einfach diesen Alltag besser handeln kann.
Chris: [00:24:07] Dann auch mit Betroffenen, aber auch mit neurotypischen Kindern.
Hannah: [00:24:11] Genau.
Chris: [00:24:11] Also an der Stelle auch Querverweis auf unsere Elterngruppe. Auch vielen Dank, dass ihr das macht an dieser Stelle, falls ihr das hört irgendwann. Ich glaube, jetzt können wir zum Alter relativ wenig sagen. Also Sie merken, manche Leute kommen im Alter sehr gut klar. Die haben ihre Skills ausgebaut und sind dann wirklich fit. Andere sind am Resignieren an manchen Stellen. Also so kommt es mir immer nicht mal vor, dass sie halt wirklich Probleme haben, die mehr Hilfe bräuchten. Dann werden die nach außen so ein bisschen nörgelig manchmal. Und das liegt ja daran, dass sie eigentlich auch gar nicht die Hilfe bekommen, die sie erfahren sollten. Dass man merkt, was wir eigentlich für Notstand nach wie vor haben. Und zwar in jedem Altersbereich. Was habt ihr in der Gruppe soweit mitnehmen können und würdet ihr anderen Leuten empfehlen, wir machen jetzt ein bisschen Werbung, auch in die Gruppe zu kommen, hoffentlich?
Nadja: [00:24:52] Ich bin zur Gruppe gekommen, weil ich 2024 neu nach Bremen gezogen bin und einfach so ein bisschen recherchiert habe, was gibt es für Angebote für ADHS. Ich wusste, ich fange hier ein Studium an. Das bedeutet, ich brauche Unterstützung. Das habe ich soweit schon gelernt und ich hatte noch nie, ich war davor noch nie in der Selbsthilfegruppe, wollte das aber gerne ausprobieren. Habe mich dann in der Startergruppe angemeldet und mich direkt wohlgefühlt und da schon einen Nutzen für mich draus gezogen. Es gibt auch eine coole Website, wo, wenn man in der Startergruppe war, einfach Informationen auch über die Gruppen bekommt und da dann eben feststellen kann, welche Themen sind interessant für mich und sich da dann auch noch anmelden kann. Ich war auch schon in der Orga-Gruppe, so heißt die. Die war schon sehr hilfreich, also in Bezug auf Studium. Da habe ich auf jeden Fall ein, zwei, drei Tipps mit in meinen Alltag reingenommen. Also das kann ich auf jeden Fall empfehlen.
Hannah: [00:25:50] Ja, ich habe Anfang des Jahres mir einen kleinen Slot für die Startergruppe besorgt. Das heißt, man geht da auf die Website und meldet sich für die Startergruppe an. Da war es auch so, dass ich erst mal dachte, okay, was kommt da auf mich zu? Aber im Endeffekt ist es ein Informationsabend, wo einfach nochmal darüber berichtet wird, wie das funktioniert, wie man sich da anmelden kann, dass es ein Safe Space ist, wo man sich mit Gleichgesinnten austauschen kann. Wir haben ja auch jetzt heute schon darüber gesprochen, wie viele Fragen bei einem selber aufkommen, die auch bei allen anderen aufkommen und man sich dann mit Gleichgesinnten darüber austauschen kann und nicht mehr der Alien im Raum ist, sondern also da sind einfach ganz viele, die einfach alle ein bisschen anders denken und man auf einmal, ja, nicht mehr alleine ist mit seinen Problemen oder Gefühlen.
Chris: [00:26:41] Und wir merken natürlich ganz deutlich, dass egal welches Alter, egal welches Geschlecht, egal welche Ausrichtung, grundsätzlich überall ADHS für uns bedeutet, dass wir, egal wie wir nach außen wirken, im Kopf 1000 Gedanken haben, die wir sortieren müssen. Das heißt, wir haben eine Impulsschwierigkeit, wir haben praktisch immer, wir möchten Achterbahn fahren oder wir sind genau im Gegenteil unterwegs und können gar nichts mehr, sind dann bis zum Dissoziieren unterwegs und da die Mitte zu finden, ist eine Frage der Skills und ich glaube persönlich auch, dass diese Skills über die Gruppe vermittelt werden. Wir sagen, wir bieten 60 Themengebiete an, wo man einfach sich das wie so ein Cherry-Picking vom Buffet das rauspicken kann, was gut für einen ist. Dadurch, dass es eben ein Spektrum ist, das heißt, die Ausprägung bei jeder Person unterschiedlich ist, ist es saumäßig schwer, universelle Tipps zu geben. Dass mir etwas jetzt auch aufgefallen ist, dass wir gar nicht so viel über Ü50 oder Ü60 Generationen sagen können, weil es einfach kaum Informationen gibt. Und ich muss einfach sagen, wenn eine Person nochmal Ü60 Lust hat, hier zu sprechen, würde ich diese Person gerne separat einladen, um vielleicht nochmal zu ergänzen, was hier wäre. [00:27:46] Ansonsten vielen Dank an euch beide, dass ihr hier hergekommen seid und so offen, transparent gesprochen habt.
Nadja: [00:27:52] Ja, sehr, sehr gerne. Vielen Dank, dass du uns eingeladen hast. Ich hatte Spaß und habe mich voll gefreut, hier zu sein. (.)
Chris: [00:27:58] Abonniert gerne diesen Channel und unterstützt uns, wenn ihr möchtet, mit einer Mitgliedschaft bei spektrum-störung.de Vielen Dank und bis zum nächsten Mal.


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